Ansätze von Höhenangst, Analyse zum Aktienmarkt von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Die Aktienanleger werden am kommenden Mittwoch zufrieden auf das erste Halbjahr zurückblicken. Bis zum Freitag hat der Dax seit dem Jahresbeginn um 13,3 Prozent zugelegt, eine ansehnliche Performance, nicht zuletzt im Vergleich zu Staatsanleihen. Zehnjährige Schuldscheine des Bundes haben Anlegern in den ersten sechs Monaten gemessen am RexP für diese Laufzeit ein Minus von 2,1 Prozent eingebrockt.

Damit hat sich der Aufschwung der Aktienmärkte fortgesetzt, der im Herbst des zurückliegenden Jahres von Corona-Impfstofferfolgen losgetreten worden war. Die Gewissheit, dass das öffentliche Leben beziehungsweise die gesamte Wirtschaft mit Hilfe der Impfkampagnen wieder geöffnet und die Krise überwunden werden kann, hat die Kurse am Aktienmarkt getrieben.

Die Kombination aus einer boomhaften Erholung der Wirtschaft und der Unternehmensgewinne sowie daneben einem moderaten Anstieg der Anleiheverzinsungen kam vor allem zyklischen beziehungsweise Value-Aktien zugute, die eine deutliche Outperformance gegenüber de­fensiven und Growth-Aktien an den Tag legten. Ein Blick auf die Gewinner zeigt dies deutlich. Gemessen an den Stoxx-Branchenindizes liegen mit Bank- und Automobilaktien zwei klassische Value-Sektoren mit einem Anstieg von jeweils mehr als 26 Prozent in Führung. Das Umfeld kam gerade dem Dax zugute, der von seiner relativ starken Zyklik und Exportabhängigkeit profitierte, und mit dem vergleichsweise hohen China-Anteil des Geschäfts seiner Unternehmen profitierte er auch davon, dass das Reich der Mitte als erste der großen Volkswirtschaften aus der Krise herauskam. Die Zugpferde des Index waren eben die Automobilaktien, die Aktien der drei Autohersteller belegten mit kräftigen Kursgewinnen die Ränge 2 bis 4 der Gewinnerliste, gefolgt von der Deutschen Bank.

Das Umfeld scheint dafür zu sprechen, dass Dividendentitel auch in den kommenden Monaten die bessere Wahl sein werden. Allerdings ist die Rally beim Versuch, auch noch die Marke von 16000 in Angriff zu nehmen, in den zurückliegenden Wochen ins Stocken geraten. Dazu trugen die aufgrund des Basiseffekts des Vorjahres und der sich nun rasant erholenden Aktivität stark gestiegenen Inflationsraten bei, außerdem das etwas verwirrende Wechselspiel der Äußerungen von Fed-Vertretern, die zuletzt mal über eine allmählich herannahende geldpolitische Normalisierung reden, mal davon, dass der Schwenk zu einer restriktiveren Linie noch recht lang auf sich warten lassen wird.

Allerdings ist die kommende Normalisierung eigentlich keine Überraschung, sondern eine unvermeidliche Folge der starken wirtschaftlichen Erholung, die Aktien doch in Form stark steigender Gewinne und Ge­winnerwartungen zugutekommt. Vor diesem Hintergrund scheint die Ursache für die zuletzt gehemmtere Gangart am Aktienmarkt zu sein, dass sich nach der spektakulären Performance seit dem Corona-Crash Ansätze von Höhenangst einstellen. Die Marktteilnehmer wissen, dass die kräftige Erholung beziehungsweise die Überwindung der Pandemie zu einem großen Teil eingepreist ist, und fragen sich, was denn den Aktienmarkt jetzt noch nennenswert antreiben könnte. Auch darf die Gefahr nicht unterschätzt werden, dass die mittlerweile stark gestiegenen Erwartungen etwa an die Unternehmensgewinne inzwischen nicht mehr so leicht zu schlagen sind, vielleicht sogar enttäuscht werden könnten.

Die Sorge, in der Nähe eines Tops sein zu können, spiegeln derzeit auch Kommentare von Strategen. Sie gehen zwar zumeist von weiter steigenden Kursen aus. Überschriften wie "Getting nervous at the top of the cycle" (Bank of America) und "Still overweight risk assets, if a bit grudgingly" (Barclays) zeigen aber ein zunehmendes Unbehagen an.

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